Neapel und der Süden – Fotografien 1846-1900 / Neue Pinakothek München






Neue Pinakothek München



Neapel und der Süden
Fotografien 1846-1900
Sammlung Siegert
11.11.2011-26.02.2012


Die Ausstellung der Neuen Pinakothek bietet die Gelegenheit, Neapel und die Landschaften im Süden Italiens in Aufnahmen bedeutender Fotografen des 19. Jahrhunderts kennenzulernen.


NEAPEL UND DER SÜDEN


Calvert Richard Jones, Mole mit Blick auf Castel S. Elmo in Neapel, 1846
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Sammlung Siegert





Hört man von Neapel, steigen sofort Bilder vor dem geistigen Auge auf, gleichgültig, ob man die Stadt aus eigener Anschauung kennt oder nicht. Das Klischee vom sonnigen Süden, von einer üppigen Natur in begünstigtem Klima, von traumhaft schönen Landschaften, dem »dolce far niente«: wenn es einen Ort gibt, mit dem sich all diese Vorstellungen verbinden lassen, dann ist es Neapel.

Die Aufnahmen inszenieren die landschaftlichen Attraktionen von Sorrent und Capri, zeigen berühmte antike Stätten wie Pompeji oder Agrigent, bieten aber auch Impressionen des Alltagslebens in der Metropole Neapel, in der wie an keinem anderen Ort Italiens die Gegensätze von arm und reich, von oben und unten aufeinanderprallten. Lazzaroni, Lebenskünstler, badende Kinder, die noble Gesellschaft an der Riviera di Chiaia: Neapel war ein Ort der Kontraste und Gegensätze wie keine andere Stadt Italiens. Mag manche Aufnahme auch Klischees befördert haben und im Atelier des Fotografen inszeniert worden sein, so bietet sie doch einen faszinierenden Blick auf mittlerweile untergegangene Lebenswelten und Wirklichkeiten.

In der Ausstellung werden 120 Fotografien von zwanzig verschiedenen Fotografen gezeigt. Die Aufnahmen sind im Zeitraum zwischen 1846 und der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden sind. Es ist die Epoche, in der sich das neue Medium auch im Süden der Halbinsel ausbreitete, reisende Fotografen aus England, Frankreich und Deutschland, bald aber auch einheimische Fotokünstler ihre Aufnahmen am Golf von Neapel, in Kampanien und auf Sizilien machten. Sie belegen den Wandel des Blicks von der romantisch gefärbten Vedute hin zur sachlich dokumentierenden Fotografie, die sich mit der beginnenden wissenschaftlichen Erforschung der archäologischen Denkmäler ausbreitete und diese wesentlich förderte. Zu sehen sind Aufnahmen von Pionieren der Fotografie wie Calvert Richard Jones, Firmin-Eugène Le Dieu und Gustave Le Gray, darunter seltene Kostbarkeiten wie die Aufnahme des Doms von Syrakus von George Wilson Bridges aus dem Jahr 1846. Im Mittelpunkt aber steht das Werk des deutschen Fotografen Giorgio Sommer, der seit 1856 in Italien lebte und 1857/58 ein Atelier in Neapel gründete, das bald das erfolgreichste in der Stadt war.


NEAPEL UND DER SÜDEN



Giorgio Sommer, Fassaden in S. Lucia, Neapel, um 1878
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Sammlung Siegert

NEAPEL UND DER SÜDEN



Si traduce il frances, um 1868
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Sammlung Siegert





Die vulkanische Natur bescherte Kampanien besondere landschaftliche Attraktionen, war aber auch stets latente Gefährdung. Die Ausgrabungen der Vesuvstädte, die nach der Staatsgründung neuen Aufschwung nahmen, förderten sensationelle Funde zutage, die von den Fotografen dokumentiert wurden. Der Vesuv stellte aber auch eine aktuelle Bedrohung dar. Den Ausbruch am 26. April 1872 dokumentierte Giorgio Sommer in einer Serie von Aufnahmen im Abstand von jeweils einer halben Stunde. Ebenso bedrohlich war die Gefahr von Erdbeben. 1883 wurde der Badeort Casamicciola auf Ischia durch ein Erdbeben völlig zerstört, ein Ereignis, das durch bedrückende Fotografien dokumentiert wurde.


NEAPEL UND DER SÜDEN



Giorgio Sommer, Der Ausbruch des Vesuvs am 26. April 1872, halb 4 Uhr nachmittags
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Sammlung Siegert

NEAPEL UND DER SÜDEN



Giorgio Sommer, Ausgrabungen in Pompeji: Abguss eines toten menschlichen Körpers, um 1870
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Sammlung Siegert





Fotografien bezeugen aber auch politische Umwälzungen, die sich in Italien in jenen Jahrzehnten ereigneten, das Risorgimento mit dem Höhepunkt der Staatsgründung im Sommer 1861, vor nunmehr 150 Jahren. Mit seinem »Zug der Tausend« hat Garibaldi im Frühjahr 1860 das Bourbonenreich in Sizilien angegriffen und am 27. Mai Palermo eingenommen. Die Barrikaden und Zerstörungen in der umkämpften Altstadt von Palermo wurden in Fotografien von Luigi Sacchi dokumentiert, frühe Zeugnisse der Reportagefotografie und seltene Bilddokumente der Einigungskämpfe Italiens.


NEAPEL UND DER SÜDEN



Luigi Sacchi, Via di Toledo und das Dominikanerkloster S. Caterina nach der Einnahme Palermos durch die Truppen Garibaldis am 29. Mai 1860
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Sammlung Siegert





Die Ausstellung »Neapel und der Süden. Fotografien 1846–1900« entstand in Zusammenarbeit mit dem renommierten Münchner Fotosammler Dietmar Siegert, aus dessen Beständen die ausgewählten Aufnahmen stammen. Sie bildet den Abschluss einer Reihe von Ausstellungen zu den Anfängen der Fotografie in Italien, die 1996 mit Venedig begonnen, 1997 mit Florenz und 2005 mit Rom fortgesetzt wurde.

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband im Verlag Hatje Cantz, mit einer Einführung der Fotohistorikerin Dorothea Ritter und Katalogtexten von Dorothea Ritter und Annette Hojer (192 Seiten mit 135 Abbildungen, 39.80 Euro)

Kurator: Dr. Herbert W. Rott







Courtesy Neue Pinakothek München
Bildmaterial © Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Sammlung Siegert






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~ by Stampfli & Turci on November 6, 2011.

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