Verlust und Wiederkehr – Alte Nationalgalerie, Berlin






Alte Nationalgalerie, Berlin



Verlust und Wiederkehr
Verlorene und zurückgewonnene Werke der Nationalgalerie
10. Dezember 2010 bis 6. März 2011





Infolge des Zweiten Weltkriegs sind weit über 800 Werke aus der Sammlung der Nationalgalerie verloren gegangen. Fast 600 Gemälde davon stammten aus dem 19. Jahrhundert – das entspricht etwa einem Drittel des heutigen Bestandes der Alten Nationalgalerie. Vor allem seit Beginn der 1990er Jahre tauchten bis dahin als unauffindbar geltende Kunstwerke überraschend in Privatbesitz auf und konnten, meist mit Unterstützung des Kunsthandels, für die Nationalgalerie zurückgewonnen werden.


Wilhelm Ahlborn


Wilhelm Ahlborn,
Blick auf Florenz, 1832
Zustand vor der Restaurierung, Öl auf Leinwand, 70 x 99 cm
ehemals Kriegsverlust, Rückkehr 2010
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie,
Foto: Andres Kilger





Jeder „Rückkehrer“ hat eine eigene Geschichte wechselnder Besitzer und Standorte. Sowohl die Umstände des Verschwindens der Werke 1945 aus ihren letzten Bergungsorten als auch die jeweiligen Besitzer, damals wie heute, bleiben häufig unbekannt oder möchten unbekannt bleiben. Eine Auswahl von etwa 20 jahrzehntelang verschollenen Werken wird nun in einer Kabinett-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie gezeigt, ergänzt durch Dokumente und historische Fotos aus den Beständen des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Berlin.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begann für die Werke der Nationalgalerie infolge zahlreicher Schutzmaßnahmen und Standtortwechsel eine mitunter bis heute andauernde „Odyssee“. Nachdem die Nationalgalerie 1939 für die Besucher geschlossen worden war, wurde die Sammlung nach und nach aus den Ausstellungsräumen entfernt und in Kellern gelagert. Im Januar 1941 erhielt die Nationalgalerie zusätzliche Schutzräume im Neubau der Reichsbank am Werderschen Markt in Berlin. Die Häufigkeit der Luftangriffe erforderte jedoch weitere Bergungsorte. Nach Fertigstellung der Berliner Flaktürme am Zoo und im Friedrichshain standen dort ebenfalls Räume zur Verfügung, in die ab September 1941 die meisten Werke der Nationalgalerie gebracht wurden.

Gegen Ende des Krieges begann die Suche nach Bergungsstätten außerhalb Berlins. Als sich im Februar 1945 die militärische Lage weiter zuspitzte, wurde die Evakuierung von Kunstwerken aus den Berliner Flaktürmen notwendig. Im März 1945 begann die Umlagerung in stillgelegte Salzbergwerke. Bis zum 7. April 1945 verließen insgesamt zehn Kunsttransporte die Stadt. Zwei Transporte mit ca. 400 Gemälden der Nationalgalerie gingen aus dem Flakturm Friedrichshain nach Merkers in Thüringen. Zehn Tage später, am 17. April 1945, wurden sie durch amerikanische Truppen, die Teile von Sachsen und Thüringen vorübergehend besetzt hatten, geborgen und nach Wiesbaden überführt. Zur gleichen Zeit erfolgte ein Transport mit mehr als 200 Gemälden der Nationalgalerie aus dem Flakturm Zoo in das Bergwerk Grasleben westlich von Magdeburg. Hier bargen englische Truppen die Kunstwerke und brachten sie in das Herzog Anton Ulrich-Museum nach Braunschweig. Diese insgesamt über 600 von den westlichen Alliierten gesicherten Werke kamen bis Ende der 1950er Jahre nach Berlin (West) zurück, an die 1957 gegründete Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Die restlichen, immer noch umfangreichen Bestände der Berliner Museen in den Flaktürmen Zoo und Friedrichshain, darunter Gemälde, Skulpturen und Handzeichnungen der Nationalgalerie, wurden im Sommer 1945 von sowjetischen Truppen, die zunächst ganz Berlin besetzt hatten, in die UdSSR transportiert. 13 Jahre später, 1958, wurde ein Großteil der Bestände des abtransportierten Kunstgutes von der Sowjetunion an die Nationalgalerie (Ost) zurückgegeben.


Adolph Menzel


Adolph Menzel
Bildnis eines jungen Mädchens, 1838
Öl auf Leinwand, 20,4 x 17,4 cm
ehemals Kriegsverlust, Rückkehr 1997
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie,
Foto: Andres Kilger

Domenico Quaglio



Domenico Quaglio,
Gotische Kirchenruine am Meer, 1824
Öl auf Eichenholz, 42 x 35 cm
ehemals Kriegsverlust, Rückkehr 2006
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie,
Foto: Andres Kilger





Die zahlenmäßig größten Verluste hatte die Nationalgalerie durch hunderte Ausleihen an Institutionen zu verzeichnen. Neben Leihgaben an andere Museen betrifft dies weit über 500 Bilder, die an etwa 130 staatliche Behörden in ganz Deutschland geliehen worden waren. Eines der umfangreichsten Konvolute – 69 Werke – wurde 1933/34 an die Reichskanzlei gegeben. Von den Leihgaben an Institutionen wurde wahrscheinlich der größte Teil vernichtet. Auch Leihgaben der Nationalgalerie ins Ausland gingen verloren. Zahlreiche repräsentative Werke befanden sich seit den 1920er Jahren in deutschen Botschaften und Generalkonsulaten wie beispielsweise in Ankara, Brüssel, Dublin, Helsinki, London, Mailand, Rom und Tanger. Der Verbleib vieler dieser Leihgaben ist bis heute ungeklärt.

Hohe Verluste entstanden der Nationalgalerie überdies durch Diebstähle privater Personen. So gab es umfangreiche Plünderungen an verschiedenen Auslagerungsorten, beispielsweise im Pergamonmuseum, im Reichsbankgebäude oder in der Reichskanzlei. Die meisten Werke wurden allerdings in den Flaktürmen Zoo und Friedrichshain gestohlen.

Seit den 1950er Jahren kehrte eine Reihe von verloren geglaubten Werken aus Privatbesitz an die Nationalgalerie in Westberlin zurück. Vergleichbare Fälle sind für die Ostberliner Nationalgalerie nicht bekannt. Eine wesentliche Voraussetzung für diese Rückerwerbungen war das 1965 erschienene, bis heute bedeutende Standardwerk von Marianne Bernhard „Verlorene Werke der Malerei“. Daran anknüpfend publizierten die Staatlichen Museen zu Berlin 2001 die Kriegsverluste der Nationalgalerie in der „Dokumentation der Verluste II“ mit einer Auswahl an Abbildungen und Werkbeschreibungen. Daneben sind digitale Datenbanken der Kriegsverluste wie die Lost Art Internet Database der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg und das Art Loss Register mit Hauptsitz in London zur unverzichtbaren Arbeitsgrundlage geworden.

Nach der Wiedervereinigung, besonders aber in den vergangenen zehn Jahren, nahm die Zahl der aus privater Hand an die Nationalgalerie zurückgekehrten Kriegsverluste deutlich zu. Unter diesen Rückgewinnungen waren Werke wie Adolph Menzels „Bildnis eines jungen Mädchens“, Ferdinand Waldmüllers „Praterlandschaft“, Ludwig Knaus’ Gemälde „Salomonische Weisheit“, Domenico Quaglios „Gotische Kirchenruine am Meer“ und Carl Blechens „Weg nach Castel Gandolfo“.


Ferdinand Waldmüller


Ferdinand Waldmüller
Praterlandschaft, 1830 (?)
Öl auf Holz, 71 x 91,5 cm
ehemals Kriegsverlust, Rückkehr 2000
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie,
Foto: Andres Kilger





Im Frühjahr 2010 erfreute sich die Nationalgalerie mit Wilhelm Ahlborns Gemälde „Blick auf Florenz“ einer weiteren bedeutenden Rückerwerbung. 1934 war das Bild in die Reichskanzlei ausgeliehen worden. Seit 1945 galt das Werk als verschollen. 2009 tauchte es im Berliner Kunsthandel auf. Im Jahr darauf konnte das Gemälde an die Nationalgalerie zurückkehren. Es wird in dieser Ausstellung nun erstmals öffentlich gezeigt.

Bereits zu Lebzeiten galt Wilhelm Ahlborn als einer der geschätztesten Landschafter. Ahlborn schulte seine Landschaftsauffassung an Werken Karl Friedrich Schinkels, welche er mehrfach kopierte. Ab 1827 hielt sich der Künstler vier Jahre in Italien auf. Nach dieser Reise entstand 1832 „Blick auf Florenz“. Das Bild war einst vom Berliner Bankier und Begründer der Nationalgalerie Joachim Heinrich Wagener erworben worden. Es ist ein Glücksfall für die Nationalgalerie, daß Ahlborns Gemälde wieder in der Sammlung ist. Das qualitätvolle Werk wird künftig im Schinkel-Saal der Alten Nationalgalerie zu sehen sein.

Erst kürzlich, im Oktober 2010, konnte erneut ein Kriegsverlust der Nationalgalerie zurückgewonnen werden. Das um 1860 entstandene Gemälde „Hund mit Schimmel“ des englischen Genremalers William Cole war 1942 über das Auswärtige Amt in die Villa des im Exil lebenden irakischen Ministerpräsidenten in Berlin-Dahlem geliehen worden. Als dieser Berlin verließ, nahm er die Leihgaben der Nationalgalerie mit sich. Im sächsischen Oberbärenburg, wo er sich vorübergehend aufhielt, kam Cole’s Gemälde in den Besitz dortiger Hausangestellter. Einer ihrer Nachfahren fand mit Hilfe der Lost Art Internet Database der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg heraus, dass das Bild aus der Nationalgalerie stammt. Daraufhin wandte sich die Koordinierungsstelle im Februar 2010 an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und vermittelte den Kontakt zum Dresdner Besitzer. Inzwischen befindet sich das Werk ebenfalls wieder in der Nationalgalerie.


William Cole


William Cole
Hund mit Schimmel, um 1860
Öl auf Leinwand, 59 x 48 cm
ehemals Kriegsverlust, Rückkehr 2010
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie,
Foto: Andres Kilger





Auch dieser Fall zeigt, dass die infolge des Krieges entstandenen Verluste keineswegs so endgültig sind, wie zunächst zu vermuten war. Vielmehr besteht die berechtigte Hoffnung, dass weitere verloren geglaubte Werke auftauchen werden und an die Nationalgalerie zurückkehren.

Text: Dr. Birgit Verwiebe, Kustodin an der Alten Nationalgalerie und Kuratorin der Ausstellung







Courtesy Staatliche Museen zu Berlin
Bildmaterial © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie





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~ by Stampfli & Turci on December 11, 2010.

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