Henning von Berg (Teil 2) – das Interview


 

Kunsthändler Helmut Stampfli im Gespräch mit Henning von Berg (HvB), weltbekannter Aktfotograf mit über 420 Veröffentlichungen und 43 Ausstellungen in Galerien und Museen der ganzen Welt.

Besonderen Dank an Roubi L’Roubi, für seine Anregung zu diesem Artikel, seinen Vorgesprächen mit Henning und Helmut und seiner zuvorkommender Unterstützung durch das exklusive roubinetwork.com, dem sowohl Henning von Berg als auch Helmut Stampfli angehören.

Henning, was bringt einen jungen Adelsspross dazu, sein erstes Nacktfoto zu schiessen?
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Ich hatte mein erstes schwules Erlebnis mit einem 40-jährigen Mann in einem öffentlichen Hallenbad einer Kleinstadt in der westdeutschen Provinz. Beim 4. Treffen nahm ich meine RatschKlick-Kamera mit und bat ihn, Aktbilder von mir zu knipsen. Dann fragte ich ihn, ob auch er für mich nackt posieren wollte. Die äusserst lustige Photosession im Wald ging mir danach nie mehr aus dem Sinn.

Könnte diese Ereignis Deine Homosexualität erklären?

Nein. Die Verführungtheorie als ausschlaggebendes Element für’s Schwulsein ist leider immer noch in vielen Köpfen fest verankert. Nun, ich war mit Sicherheit schon vorher schwul, hatte aber auf einen ‘Auslöser’ gewartet.

Deine Familie wird kaum begeistert gewesen sein.

Einen Monat spaeter hatte ich meinen Eltern gegenüber mein „Coming Out“. Um dieser schlimmen ‚Krankheit’ entgegenzusteuern, versuchten meine Eltern danach massiv, mich mit irgendwelchen Maedels zu verkuppeln. Nix half. Später war ich mir entgültig sicher und hatte stolz mein zweites “Coming Out”.

Warum gerade Nacktfotografie?

Ich fotografiere am Liebsten Menschen: Männer und Frauen, Babies und Greise, Aristokraten und Prostituierte, Athleten und Behinderte Typische HvB-Bilder zeigen die natürliche Schönheit des menschlichen Körperbaus, aber auch die Vergänglichkeit der klassisch definierten Schönheit/Jugend.
Ich kombiniere Akte gern mit Landschaften und Gebäuden (Bodies & Buildings), zeige gern Kontraste, z. B. warme/sanfte Haut mit kalten/rauen Materialien.

Mit einigen besonders motivierten Modellen gestalte ich erotische Aktfotos. In diesem Bereich wurde ich besonders bekannt durch einerseits freche „Nudes in Public“ und andererseits dreiste „Borderline Photography“ (Gratwanderung zw. Pornografie und Kunst).

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WIND, Series Dancers, Tavigo, Vasquez Rocks, California, USA, 2003
Courtesy Henning von Berg – © http://www.BookAlphaMales.com

Deine Profikarriere hast Du erst mit 35 begonnen. Warum nicht früher?

Die Eltern legten, völlig zu Recht, Wert auf eine klassische Berufsausbildung als solides Fundament für ein geregeltes Einkommen. Also schlug ich, wie mein Vater, die Ingenieurslaufbahn ein. Nach einer beachteten Karriere und 13 sehr erfüllten Jahren war ich den stressigen hoch bezahlten Bürojob leid und wechselte in eine Laufbahn als freischaffender Künstler, um mich alternativ zu verwirklichen. Geld war drittrangig geworden.

„Naked Berlin“ war der internationale Mediendurchbruch für Dich. Es sollte die „liberale Grundhaltung der wiedervereinigten Bundesrepublik symbolisieren und besonders im Ausland zum Nachdenken anregen über das oft überholte Deutschland-Bild“. Brauchte es denn 1999 eine solche Aufklärung?

Ich wurde als Europäer und Kosmopolit erzogen und hatte schon mit jungen Jahren die Welt bereist. Das Deutschlandbild war im Ausland leider auch Jahrzehnte nach den beiden schlimmen Weltkriegen noch immer negativ und mit den absurden altmodischen Vorurteilen behaftet. Ich wollte nun zeigen, dass das moderne Deutschland völlig anders geworden war. Toleranter und liberaler als die meisten Länder der Welt wie z.B. die USA; dass die junge, freiheitliche Bundesrepublik, die aus der extrem furchtbaren Geschichte tatsächlich sehr viel gelernt hatte.

Christo umhüllte den Reichstag, Du enthülltest ihn sozusagen. Besteht ein Zusammenhang?

Durch Christos Aktion war mir noch einmal die Wichtigkeit dieses historischen Gebäudes bewusst gemacht worden. Also wollte ich die Nackten nicht nur irgendwo knipsen, sondern möglichst am oder gar im Parlamentsgebäude.

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PARLIAMENT REICHSTAG, Series Naked Berlin, Berlin, Germany, 1999
Courtesy Henning von Berg – © http://www.BookAlphaMales.com

„Naked Berlin“ war damals ein gesellschaftspolitisches Engagement Deinerseits integriert in Deine Arbeit. Wie weit geht Dein Engagement heute und wo kommt es zum Ausdruck?

Von der Jugend (Klassensprecher, Schulsprecher, etc) bis zum Ende der 1990er hatte ich mich tatkräftig gesellschaftspolitisch engagiert. Für Frauenemanzipation und schwule Gleichstellung gekämpft, Organisationen mitgegründet und Grossveranstaltungen mitgestaltet. Dann war ich etwas müde und überdrüssig geworden. Seit dem Herbst 1999 verbringe ich regelmässig sehr viel Zeit in den USA. Mein Engagement in Deutschland ist daher weniger geworden. Heutzutage führe ich liebend gerne Diskussionen im verkorksten Land USA, um den ach so überstolzen Amerikanern ihre Grossmannssucht („we are born to police the world“) zu belegen und eine Weitsicht auf die aktuellen Themen (Klimawandel, Umweltschutz, Energiesparen, echte Demokratieregeln) zu erläutern.

Unbekleidete Körper als Gegenbewegung der Verstädterung, als Ausbruch aus bürgerlichen Zwängen. In Deutschland, dem Land des FKKs sozusagen, begann diese Befreiung um 1900. Dann kamen die 68 und schliesslich 1980 die Nackten im Englischen Garten München. Ist/war Deutschland nicht sehr viel liberaler als sich die Deutschen vielleicht selber bewusst sind ?

Stimmt genau. Den meisten Deutschen ist diese enorme Freiheit gar nicht bewusst. Es wird gejammert und geschimpft, wobei die meisten gar nicht wissen, dass 95% der Staaten dieser Welt viel restriktiver mit simpler Nacktheit umgehen. Erst durch extensives Reisen erarbeitet man sich einen anderen Massstab. Erst durch einen gewissen räumlichen Abstand kann sich das eingeengte Bild auf die gewohnte Heimat öffnen und relativieren.

Noch vor „Naked Berlin“ entstand “Factory Boyz”-Serie. Mit diesen Bildern gelang Dir gleich zu Beginn Deiner Karriere der grosse Wurf. Wie entstanden diese Bilder?

Ich hatte eine einfache alte Kamera geschnappt und einfach aus dem Bauch drauflos geknipst. Sicherlich hatte ich abstruse Ideen, und wollte Tabus brechen, aber konkrete Vorstellungen von einer eigenen fotografischen Sprache hatte ich nicht. Schnell waren meine Bilder in Kunstführer abgedruckt worden; fast immer mit absonderlichen Kommentaren. Blödsinnige Dinge wurden hineininterpretiert. Das Meiste war an den Haaren herbeigezogen und falsch. Beim Bild „STAIRWAY“ beispielsweise, dass ich an den Abtransport von Juden ins Konzentrationslager gedacht hätte oder dass ich bizarre S/M-Praktiken verherrlichen wollte. Quatsch, ich wollte lediglich die schöne Architektur von Gebäuden und Körpern kombinieren, mehr nicht.

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BEAM, Series Sprinters, Enrico, Warehouse, Stralau, Germany, 2003
Courtesy Henning von Berg – © http://www.BookAlphaMales.com

Also nicht kopflastig ?

Da ich als Quereinsteiger in die Kunst (und auch in die Fotografie) nur begrenzte Background-Kenntnisse habe, gehe ich an viele Themen ohne Kopflastigkeit heran. Ich fotografiere direkt und aus dem Bauch heraus.
Ganz viele meiner Bilder zeigen Frauen oder eher sanftmütige Männer. Parallel inszeniere ich auch einige Tabubrüche/Kontraste mit maskulinen Kerlen mit femininen Outfits. Als Gegengewicht dazu schiesse ich dann gerne Machos mit Erektionen. Ich bin froh, dass mir das offenbar in einer künstlerischen Weise gelingt. Denn meine Ständerbilder werden gemeinhin nicht als plumpe Pornografie eingestuft, sondern als teure Kunst. In Galerien werden inzwischen hohe Summen bezahlt.

Du zeigst aber auch viel Humor und Ironie und spielst mit Klischees.

Genau, ich versuche das ganze Leben von der spielerischen Seite zu nehmen. Ich spiele gerne mit Doppelbedeutungen und nehme traditionelle Sichtweisen aufs Korn. Ich liebe Tabubrüche regelrecht. Konventionen sind grundsätzlich hilfreich, aber sie sollten regelmässig analysiert und an die Moderne angepasst werden.

Wie lange brauchst Du für ein Bild ?

Das kann ich nicht allgemein beantworten. Manche Bilder brauchen 1/2 Stunde und manche nur 1/2 Minute.

… und Deine Modelle ?

80% meiner Modelle sind Amateure mit normaler Figur. Für das letzte Buch „Alpha Males“ hat die Redaktion allerdings eher die Übermenschen (Muskelkerls, Riesendödel) ausgewählt. Dadurch kann jetzt leider leicht der falsche Eindruck entstehen, dass ich nur perfekte Körper ablichte.

Wie wählst Du Deine Modelle aus? Was muss von ihnen ausgehen?

Da mein Name sehr bekannt ist, erhält HvB Photography pro Jahr weit über 2000 Bewerbungen aus aller Welt. Ich kann also gezielt einige Favoriten herauspicken. Dabei geht es mir nicht um perfekte Masse, sondern um Beweglichkeit. Ich brauche Menschen, die vor der Linse tatsächlich richtig entspannen können. Zusätzlich ist m.E. eine ‚gute Chemie’ zwischen Fotograf und Modell extrem wichtig.

Deine Bilder sind eigentlich Portraits. Die Aufnahmen erwecken den Eindruck, als ob die Modelle ihre Körper selbst entdecken, eine neue Beziehung dazu entwickeln, und darüber selber erstaunt sind?

Gratulation, besser hätte ich es selbst nicht formulieren können. Da meine Modelle zu 80% Amateure sind, gehen sich unsicher an die Session heran. Da ich ihnen eine angenehme Atmosphäre vermittele, fühlen sie sich schnell wohl. Durch die Arbeit am Set entwickeln viele der Leute ein neues Bewusstsein zu ihrer ungewohnten Nacktheit. Sie lernen, ihre nicht makellose Figur zu akzeptieren. Sie merken, dass durch bestimmte Posen auch ungünstige Körper/Gesichter ‚schön’ wirken können.

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SHADOW, Adam Killian, West Hollywood, California, USA, 2000
Courtesy Henning von Berg – © http://www.BookAlphaMales.com

Du lebst zurzeit in den USA. Gibt es Unterschiede zu Europe in der Beziehung zur Nacktheit?

Mein Hauptwohnsitz ist die deutsche Hauptstadt. Im Sommer reise ich zw. Berlin, London, Amsterdam, Prag, Madrid und Paris munter hin und her und fühle mich schnell irgendwo heimisch. Zitat meines engen Freundes, Felix Graf v. Baudissin, London 2005: „HvB hat oefter Zahnweh als Heimweh!“.
Leider sind die USA bekanntermassen äusserst prüde. Gleichzeitig sind die USA natürlich auch der weltgrösste Produzent und Konsument von Pornografie. Alles Sexuelle, Erotische und Nackte hat daher einen hohen Ladenpreis. Auch auf meine eigenen Fotoabzüge wirkt sich das letztlich positiv aus. Ich bin sehr zufrieden. Grins!

Wie wär’s mit nackten Männern vor dem Weissen Haus oder im Capitol?

Da die Vereinigten Staaten bekanntlich seit 400 Jahren fast lückenlos von Puritanern regiert werden, drohen für öffentliche Nackt-Aktionen drakonische Strafen. Nicht nur Geldbussen, sondern auch Gefängnis und Visaentzug. Das kann ich schlichtweg nicht riskieren

An was für Projekten arbeitest Du zurzeit?

Ich arbeite fleissig an einem Bildband mit Seniorenportraits Mein bisher ältestes Modell ist eine 108-jaehrige Dame. Dann ein Buch mit nackten Athleten und Behinderten, eines mit Dicken, Alten, Bizarren, Prostituierten und Aristokraten, ….

Eine glänzende 10-järige Karriere. Bist Du zufrieden?

Ich bin super zufrieden und rundherum glücklich. Der Berufswechsel war richtig. Nun kann ich mehr reisen als zuvor und zudem interessante Mitmenschen treffen. Zudem ziehen sich fast täglich attraktive Frauen und Männer vor mir aus. Was will ich mehr?

Los Angeles, Februar 2008

Helmut Stampfli – Kunsthändler / Gallerist

 

Henning von Berg
Alpha Males

 

 

~ by Stampfli & Turci on March 7, 2008.

2 Responses to “Henning von Berg (Teil 2) – das Interview”

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